Apple mit Gegenwind

flickr-apple-mini-retail-store-by-pinq-pinq

Das gab es noch nie: Öffentliche Kritik an Apple! Den Anfang machte Michael Arrington, als er bekannt gab, er würde sein iPhone aufgeben, weil Apple die Google Voice Applikation abgelehnt hatte. Nun folgt ihm Jason Calacanis mit einem fünfteiligen Artikel auf seinem (wiedereröffneten) Blog.

Einen schnellen Überblick zum Thema bietet Falk Hedemann auf t3n („Apple ist das neue Microsoft“). Klar ist: Apple wächst allmählich aus seiner Rolle des Nischenanbieters heraus und wird daher einige seiner Geschäftspraktiken überdenken müssen.

Andererseits wird man sich nicht alles zu Herzen nehmen müssen, was Jason Calancanis kritisiert. Dass das iPhone in vielen Ländern (immer noch) nur über einen einzigen Carrier zu bekommen ist, ist zwar ein echtes Ärgernis, hat aber den Markterfolg des innovativen Mobiltelefons nicht schmälern können. Dazu beigetragen haben Kunden wie Calacanis, der bislang noch von jeder neuen iPhone-Generation ein Gerät gekauft hat. Da mutet es schon etwas lächerlich an, wenn er jetzt über die Exklusivbindung an AT&T jammert.

Heikler wird es bei iTunes. Denn diese Abspielsoftware, die man kostenlos herunterladen und nutzen kann, ist sehr geschickt mit der Hardware von Apple verknüpft, insbesondere den iPods und natürlich dem iPhone. Auf den iPods nämlich läuft keine andere Abspielsoftware als iTunes. Wer also grundsätzlich einen Bogen um iTunes macht, darf auch keinen iPod kaufen, denn er hätte so nur ein nutzloses Stück Hardware erworben.

Wo ist hier das Problem? Es liegt in der zunehmenden Hardware-Vielfalt und -Integration. Wo man noch vor wenigen Jahren vielleicht einen Rechner (Mac oder PC) hatte und das Mobiltelefon nur zum Telefonieren taugte, konnte so ein iPod in Verbindung mit iTunes eine harmlose, aber schöne Bereicherung sein.

Heute aber ist das Mobiltelefon zugleich auch MP3-Player und wehe, wenn es nicht iPhone heisst: Dann nämlich ist eine Synchronisation mit iTunes leider nicht möglich. Hoffen lässt der wackere Kampf, den Palm mit seinem Pre gegen Apple aufgenommen hat. Der Pre nämlich will sich nicht davon abhalten lassen, eine Synchronisation mit iTunes durchzuführen, auch wenn er kein Produkt aus dem Hause Apple ist.

Die nächste Front zeichnet sich bereits ab: Es sind die Tablets, die teils als reine Lesegeräte, teils aber auch als Multimedia-Player auf den Markt kommen werden. Der Kindle von Amazon steht für das „pure“ Lesen, aber schon das CrunchPad von Michael Arrington wird eine Art portabler Browser sein, der Inhalte des Internets wiedergeben soll. Da ist die Frage naheliegend, ob man beim entspannten Surfen im Web nicht auch ein bisschen Musik dazu hören könnte? An iTunes wird man dabei aber nicht denken dürfen, es sei denn, ja es sei denn, man verwendet gar kein CruchPad sondern gleich das Apple Tablet-Gerät. Dieses wird sich garantiert mit iTunes synchronisieren lassen und Apple wäre nicht Apple, würde man nicht zu verhindern suchen, dass die Geräte der Konkurrenz dies auch können.

Eine weitere Problemzone sind unsere Autos. Viele von ihnen führen noch ein wahres Insel-Dasein hinsichtlich ihrer Musik-Infrastruktur, ganz so, als wäre die Zeit bei den Kasetten und CDs stehen geblieben. Einige aber versuchen sich schon an Schnittstellen zu MP3-Playern und setzen dabei (einseitig) auf die Familie der iPods aus dem Hause Apple, wie etwa der Mini von BMW. Das aber kann nicht wirklich die Lösung des Problems sein.

Die Aufzählung zeigt: Es fehlt insgesamt an Standards und offenen Schnittstellen. Oder müssen wir wirklich warten, bis uns das Internet immer und überall umgibt und wir alles „in the Cloud“ finden und abrufen können?

Apple sollte sich Gedanken machen und sich künftig offener geben. Denn die Kritik von Arrington und Calancanis zeigt, dass selbst die Anhänger der Marke nicht endlos geduldig sind und sich nicht alles vorschreiben lassen wollen. Und vielleicht könnte man in diesem Kontext bei Apple auch anfangen zu bloggen oder zu twittern. Denn die Kommunikation des Unternehmens ist immer noch ähnlich einseitig wie Teile der Produktpalette…

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. In meinem Artikel habe ich leider vergessen, einen wichtigen Link zu setzen. Nämlich auf einen Blogartikel, der anschaulich erklärt, wie man einen iPod wunderbar auch ohne iTunes nutzen kann. 😉

    Tatsächlich geht alles. Man muss nur die richtigen Dateien irgendwoher bekommen und irgendwelche Prozeduren bei jedem neuen Ladevorgang wiederholen.

    Auf die gleiche Art und Weise würde ich es sicher auch schaffen, meine iTunes-Bibliothek mit meinem Android-Handy zu synchronisieren. Irgendwo gibt es ein Programm dafür und dessen Ausführung ist sicher so schwer nicht…

    Aber: Das alles ist eben nicht wirklich einfach und intuitiv. Apple baut hier bewusst Hürden ein, um die eigene Systemwelt möglichst umfassend zu vermarkten und Drittanbieter außen vor zu halten.

  2. die iTunes Bibliothek liegt offen als XML vor. Zu Palm Pre und iTunes gibt es auch genügend Seiten. Dass Palm hier die VendorID klaut, aber das nur am Rande. Klar wäre es schön wenn iTunes andere Player bedient, aber Apple muss das nicht machen. Andersrum, iPod mit anderer Software, kenn ich mich nicht aus, aber es steht sogar auf der Verpackung dass iTunes benötigt wird. Ich beschwer mich ja auch nicht hinterher dass Spiel/Software/Hardware XY nur auf Windows läuft. Da lese ich vorher eben die Anforderungen. Aber dann kauft man eben keinen iPod. Vielleicht merkts Apple dann mal.

    Apple Technote:
    This file contains some (but not all) of the same information stored in the iTunes Library file. The purpose of the iTunes Music Library.xml file is to make your music and playlists available to other applications on your computer.

    Daring Fireball:
    The legit way for a third-party portable device to sync music and video with iTunes is for the device makers to write or license their own software to read the iTunes Music Library.xml file and copy the media from the library. That’s what Nokia Multimedia Transfer and RIM’s BlackBerry Media Sync do, and it’s what DoubleTwist does for a wide variety of non-Apple portable devices, including the Pre.

  3. Apple ist ein Unikum. Es ist allerdings ein Steve Jobs Unikum. Ohne Steve Jobs – kein Apple. Das ist mal so. Also wünschen wir ihm das Beste als Mensch und für das Überleben der Marke. Aber im Ernst: In fünf Jahren werden Google und Apple da sein wo jetzt Microsoft und Sun sind (waren). Die einen kommen, die anderen gehen. Es gibt auch heute noch viel Menschen, die zurecht von BRAUN schwärmen (Design und Technik). Das hatte Apple halt kopiert. Aber das können andere auch. Sogar Panasonic kann seine mediokre TEchnik im BangOlufssen Kleid super verkaufen. Kann aber auch sein, dass die BrandBubble schon sehr zügig platzt. Dann allerdings geht es sehr schnell mit den dicken Pötten…

  4. man kann Apple wg. Technik oder Design lieben oder hassen.
    Aber manchmal will man einfach nur ein System aus Software und Hardware das funktioniert.
    Kein Interesse an technischen Details.

    Da interessieren mögliche Variationen einfach nicht.
    Im Gegenteil, die Vielfalt bei anderen Produkten schreckt ab, nervt einfach.

    Wenn man schon am Zeitschriftenregal Titel wie „100 Tricks um das Betriebssystem xy schneller zu machen“…

    Apple hatte den Ruf schlicht funktionierende Systeme aus Software / Hardware anzubieten. Zusätzlich nun auch noch für Musik und Telefon.

    Wenn mit der gewünschten Öffnung zu anderen Systemen auch die ganze Bastelei mit Treibern usw. kommt dann wird Apple für diese spezielle Gruppe der technisch begrenzt ehrgeizigen Usern uninteressant.

    keine Ahnung wie groß die ist

  5. @Jörg Wittkewitz: Du triffst den Nagel wohl auf den Kopf – Apple ist ein Unikum ebenso wie Steve Jobs. Aber der große Erfolg jetzt bringt es mit sich, dass sich das Unternehmen neuen (ungewohnten) Ansprüchen stellen muss. Mal sehen, wie das gehen wird…

    @Rolf: Ein sehr gutes Argument, das ich so noch nicht gesehen habe. Vielleicht findet sich für die Zielgruppe der technisch begrenzt ehrgeizigen User bald ein neuer Anbieter, der für längere Zeit klein genug bleibt, um eine Nische mit guten Produkten angemessen zu versorgen. Apple wird es wohl nicht mehr sein, das Unternehmen katapultiert sich gerade selbst in eine andere Liga.