Kampf der Kulturen? Analoges Denken in der digitalen Zeit

Mit markigen Worten sollte man ja vorsichtig sein. Aber vermutlich laufen wir tatsächlich auf so etwas wie einen „Kampf der Kulturen“ zu, bei dem die alten, analogen Medien mit allen nur denkbaren Mitteln um ihre Existenz kämpfen werden. Ihr Feind – oder besser: Ihr Feindbild – ist die neue, digitale Welt.

In dieser digitalen Welt passieren viele Dinge und bewegen sich Akteure, die von den Vertretern der alten Medien nicht verstanden werden. Da wären einmal die Blogger. Schon deren blosse Existenz mutet vielfach wie ein Rätsel an: Warum schreiben diese Leute wirres Zeug ohne Recherche, anstatt einfach eine gute Zeitung zu lesen? Woher nehmen sie die Berechtigung, jetzt zu jedem Thema mitdiskutieren zu wollen, wo sie doch „keine Relevanz“ haben und die normalen Zeitungsleser und Fernsehzuschauer doch auch ihren Mund halten – außer sie werden gefragt?

Dann wären da die Suchmaschinen, allen voran Google. Würden diese ihre Daten wenigstens alphabetisch auflisten, könnte man sich mit ihnen vielleicht noch arrangieren. Aber der Einsatz von Algorithmen macht das Suchen und Gefunden werden in den Augen klassischer Medienleute unverständlich, undurchsichtig und damit zu einer Entwürdigung.

Zu wahrem Teufelszeug aber werden diese Suchmaschinen, weil sich mit ihnen scheinbar mühelos viel Geld verdienen lässt, während den guten, alten Printmedien allmählich das Wasser bis zum Hals steht: Print verliert stetig Leser und Anzeigen, während Google schlafwandelnd sicher durch die aktuelle Krise steuert und dabei ohne Atem zu holen immer weiter Innovationen einführt und neue Geschäftsfelder erschliesst.

Zum Überlaufen aber bringt das Fass die Tatsache, dass alle diese neuen Akteure des digitalen Zeitalterns sich kaum mehr um die alten Medien und ihre Eliten scharen. Wo man eigentlich Achtung, Ehre und Respekt erwarten würde, denn schließlich sind die traditionellen Medien ja die vierte Gewalt im Staat, herrschen stattdessen eher Desinteresse und Respektlosigkeit.

Die neue Welt begegnet der alten oft genug mit der Attitüde, dass deren Zeit abgelaufen sei. Ja, man mag es formulieren wie man will, hier prallen wirklich Welten aufeinander. Wo die Fronten verlaufen, zeigen der Artikel von Hubert Burda in der FAZ einerseits, sowie die sehr guten Antworten darauf von Anja Seeliger im Perlentaucher und Ulirke Langer auf medial digital. Mein Artikel auf Carta zielt auf die technische Ebene und endet mit einem Plädoyer an die Kraft der Innovation.

Was aber, wenn die alten Eliten nicht wollen? Dann wird es den zähen Kampf um Subventionen, Gesetze zum Leistungsschutzrecht (für Verlage) und die Kulturflatrate geben. Dieser Kampf könnte hart und unfair werden. Denn die alten Eliten wissen, dass sie auf Dauer nicht werden gewinnen können. Also werden sie das Internet diffamieren und versuchen auszubremsen, wo und solange es nur geht.

Das Problem dabei ist, dass es hier eine recht große Koalition analoger Alt-Eliten geben könnte. Denn der Medienwandel bedroht nicht nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern pocht auch bei so manch anderer Branche an die Tür. Etwa im Bildungswesen, von den Schulen bis zu den Universitäten. Dazu kommen Industrie, öffentliche Verwaltung und Dienstleister, die bekanntlich mit dem Thema „Enterprise 2.0“ noch so ihre liebe Mühe haben.

Ein wichtiger Punkt ist die Erkenntnis, dass die Vertreter des analogen Denkens vieles im Internet nicht verstehen und auch nicht verstehen wollen. Eine sachliche Auseinandersetzung auf der Ebene dessen, was etwa eine Suchmaschine leistet und was nicht, ist damit nur schwer möglich. Es ist, als ob zwei Parteien aufeinander treffen, die nicht dieselbe Sprache sprechen.

Aber nicht alle Probleme mit dem Internet liegen auf der Verständnisebene. Der Bereich Enterprise 2.0 steuert die wichtige Erkenntnis bei, dass Social Software tendenziell flache Hierarchien und ein eher demokratisches Rollenverständnis mit sich bringt (Netzwerkeffekte, Vernetzung…). Das aber ist ein kultureller Bruch für viele Institutionen, die streng hierarchisch aufgebaut sind.

Andreas Göldi beleuchtet auf netzwertig.com, warum speziell für Manager der Umgang mit dem Wandel von der analogen zur digitalen Zeit so schwierig ist. Seiner Meinung nach sind Manager auch nur Menschen und neigen dazu, Entscheidungen von großer Tragweite auf die lange Bank zu schieben.

In dieser Erkenntnis liegt leider noch kein Lösungsweg. Wichtig wäre es jetzt, dass der Graben zwischen den beiden Welten nicht zu groß wird. Helfen können dabei Produkte bzw. Lösungen, die den Ein- und Umstieg ins digitale Zeitalter erleichtern. Mark Sigall hat in einem Blogpost bei O’Reilly darauf hingewiesen, dass ein Tablet-PC von Apple den Baby-Boomern in Amerika wesentlich mehr helfen würde als das iPhone. Das iPhone ist in seinen Augen ein Produkt für junge Leute mit guten Augen und flinken Fingern. Ältere Personen dagegen kämen mit einem größeren Gerät sicher besser zurecht und könnten so den Umstieg von der gedruckten Zeitung zu Onlinemedien schaffen.

In diesem Sinne sollte man vielleicht auch „Barcamps für Silversurfer“ organisieren und die Senioren damit auf die Seite der Internetfreunde ziehen. Aber auch bei Jugendlichen gibt es Bildungslücken, wenn etwa viele gar nicht recht wissen, was Blogs sind. Da müssen schon wir vom Web 2.0 ran, denn die Medienleute und Noch-Zeitungsmacher haben gerade selber alle Hände voll zu tun…

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kulturkampf klingt es etwas sehr dramatisch, trifft m.E. aber tatsächlich den Konflikt besser wie die Begriffe rund um Generation (digital natives, digital immigrants…)

    Je erfolgreicher die analoge Seite bei beim Bremsen der Entwicklung sein wird so dramatischer werden dann die verzögerten und so „überraschenden“ Anpassungen sein.

    Der typische Ablauf von langer Beharrung auf alten Sichtweisen und plötzlichem Absturz ist bei der Automobilbranche gerade zu besichtigen.

    Stellt sich praktisch die Frage wie viel Energie man in die Auseinandersetzung stecken soll wenn allein der Zwang des faktischen (Kosten!) die digitale Denke absehbar durchsetzt?

  2. Nach meinen Erfahrungen gehen die angesprochenen Verständnisprobleme mit dem Internet und die Befürchtung eines Bruches in der Unternehmenskultur oft Hand in Hand: Man fürchtet die Aufweichung lange bestehender Hierarchien (bzw. daraus resulierender Privilegien) und beschäftigt sich deshalb erst gar nicht mit dem Thema. So aber werden höchstens Risiken gesehen, nicht aber Entwicklungspotenziale und Chancen.

  3. @Rolf Langhoff: Aus der digitalen Perspektive gesehen sollten wir uns nicht zu sehr auf den Faktor Zeit verlassen. Selbst in nur einer Legislaturperiode kann eine Regierung in Berlin, wenn sie den Einflüsterungen der alten Medien erliegt, ein paar Gesetze mit schwerwiegenden Folgen machen, fürchte ich.

    @Thorstena: Das stimmt. Überspitzt gesagt könnte man auch sagen: In den USA erkennen Unternehmen eher die Chancen des Internets, in Deutschland dagegen eher die Risiken.

  4. Die sorgsame Balance aus Macht – Öffentlichkeit – Vermögen ist hin und je länger es durch die Lobbyarbeit der Vertreter des alten systemischen Gleichgewichts dauert, einen neuen sozialverträglichen und technologisch sinnvollen Attraktor zu finden, desto brutaler, chaotischer und unvorhersehbarer wird der Übergang. Rene Thom lässt grüssen.

  5. @Matthias
    allein die Zeit wird das Problem nicht lösen.

    Die bremsenden Gesetzen in Folge entsprechender Lobbyarbeit werden sicherlich kommen und entsprechenden Schaden anrichten.

    Diskussion und Abstimmungsergebnis zum Zugangserschwerungsgesetz (Zensursula /Internetsperren) hat parteiübergreifend gezeigt wie bescheiden das Verständnis zum Internet dort ist. Da wird sich auch nach der Wahl nicht viel geändert haben.

    Offen ist die Frage wann der wahrgenommen wirtschaftliche Schaden dem wirtschaftlichen Vorteilen der Bremser, z. Bsp. die „alten Medienunternehmen“ gegenüber gestellt wird.

    Dann erst kommt, ähnlich wie bei der Ökologie, Bewegung in das Thema.
    Toll finde ich dass auch nicht, aber warum sollte es diesmal anders laufen?

  6. Pingback: »Lesenswertig« am 03. July 2009 | Denkwertig, der persönliche Blog von René Fischer

  7. @Lapidarium: Bei der Gegenüberstellung von (gesamt-) wirtschaftlichem Schaden und Nutzen für die alte Medienindustrie muss man in der Tat noch auf sehr viel Entwicklungspotenzial warten (und hoffen).

    Man muss sich ja nur mal Stefan Niggemeier und seine Probleme mit dem Blog anschauen. Nicht einmal Richter und Datenschützer sind sich einig – niemand sieht das große Bild, niemand den globalen Kontext. Bei uns löst sich scheinbar immer noch alles in der Kleinstaaterei vergangener Jahrhunderte auf.

  8. @Matthias ok, der Link „Probleme mit dem Blog“ überzeugt. Die Geschichte kannte ich noch nicht.
    Für einen angeblich „rechtsfreien Raum“ liefern die Juristen da schon erstaunlich viel Sand ins Getriebe.

  9. Pingback: Die Diskussion um Burdas “Fairplay in der digitalen Welt” (Update) — CARTA