YouTube und seine Analysten

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Die Nachricht klingt erschreckend: YouTube wird in diesem Jahr angeblich 470 Millionen $ Verlust machen, wenn man den Berechnungen des Credit Suisse Analysten Spencer Wang glauben darf. Von dieser Meldung war es dann auch nicht mehr weit bis zu den Abgesängen auf YouTube, etwa auf Silicon Alley Insider und Marginal Revolution.

Doch langsam: So schlimm stehen die Dinge nicht und eher ist zu vermuten, dass die Analysten von Credit Suisse das Internet und seine Technologie nicht recht verstehen. So kann man zwar durchaus vermuten, dass Google auch in diesem Jahr mit YouTube Geld verlieren wird. Aber daraus zu schließen, dass YouTube auf Dauer ein Fass ohne Boden bleiben wird, verkennt einige Fakten:

  1. Würde YouTube wirklich zu teuer werden, könnte Google jederzeit das Hochladen von Videos dadurch regulieren, dass man ein Bezahlmodell einführt. Flickr hat es mit seinen Pro-Accounts vorgemacht.
  2. Die variablen Kosten von YouTube steigen nicht notwendigerweise, wenn permanent mehr Content hochgeladen wird, weil die Speicherkosten dem Moore’schen Gesetz folgen. Demnach ist auch der Fall denkbar, dass die variablen Kosten trotz wachsendem Content sinken (oder zumindest stagnieren).
  3. Für Google ist YouTube keine isolierte Investition, wie die Problematik um Cookies im Videoplayer auf den Seiten des Weißen Hauses zeigte: Der Player von YouTube hilft Google nämlich bei der Verbreitung von Cookies, mit denen sich Surfgewohnheiten feststellen lassen. Der Gedanke, dass sich YouTube für Google allein über Werbung amortisieren müsse, greift also zu kurz.

Außerdem wäre zu erwähnen, dass Google in seinen Laboren intensiv daran arbeitet, Videos für Suchmaschinen „lesbar“ zu machen. Zugegeben: Dafür muss man nicht zwingend das größte Videoportal der Welt besitzen. Es darf aber erwartet werden, dass sich mit Lösungen auf diesem Gebiet künftig noch deutlich bessere Möglichkeiten für Werbung im Umfeld der Videos ergeben.

Unerwähnt lassen die Kritiker am fehlenden Geschäftsmodell von YouTube meist auch die Tatsache, dass dieses Portal für Google auch ein enormer Sympathiebringer ist. Google lässt es sich gern Einiges kosten, nicht zu sehr als „Datenkrake“ oder Suchmaschine mit Quasimonopol (auf vielen Märkten) wahrgenommen zu werden.

Und schließlich noch eine Anmerkung zum Kaufpreis von YouTube, den Google 2006 bezahlt hat: Die 1,65 Mrd $ wurden in Form von Aktien überwiesen und bezogen sich auf deren Marktwert zum Zeitpunkt der Transaktion. Ich wüsste zu gern, wie diese Papiere vorher in der Bilanz von Google standen. Zum halben Preis? Oder war es nur ein Viertel? Auf alle Fälle war dieser Kauf für Google weitaus günstiger, als weithin vermutet wird.

Sorgen um YouTube halte ich daher für wenig angebracht. Eher schon finde ich es bedenklich, dass die Analysten einer Bank wie Credit Suisse sich mit einer relativ oberflächlichen und etliche Fakten unterschlagenden Analyse an die Öffentlichkeit trauen: Analysten, die einem Unternehmen wie Google ernsthaft auf den Zahn fühlen wollen, müssen schon dickere Bretter bohren…

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Aktien stehen zu ihrem Marktwert in der Bilanz, das ist schon seit Jahren (seit dem Enron-Skandal) so. Der Kaufpreis ist also keineswegs fiktiv, auch wenn er Googles Cashbestände nicht angegriffen hat (bzw. nur mit $15 Mio, die Google auch Cash bezahlt hat).

    Zu den anderen Punkten: Das technische Problem ist weniger der Speicherplatz, der ist tatsaechlich billig. Wirklich teuer ist die Bandbreite, für die Youtube laut den Analysten etwa $1 Mio. pro Tag ausgibt. Und Bandbreitenpreise haben sich in den letzten Jahren nur eher wenig bewegt.

    Natürlich könnte Youtube Bezahlaccounts einführen, aber das würde die Popularität drastisch bremsen. Und sicher hat Google mit den gesammelten Daten noch anderes vor, aber das heisst nicht, dass man diese Daten auch wirklich „monetizen“ kann.

    Das grösste Problem, das Youtube hat, ist die Tatsache, dass die Kosten offenbar schneller wachsen als die Umsätze. Facebook steht derzeit vor dem gleichen Dilemma. Dass ein schnell wachsendes Startup in den ersten Jahren grosse Verluste einfährt, ist durchaus normal, das hat z.B. Amazon auch gemacht. Aber dann sollten die Kurven sich Umsatz- und Kostenkurven wenigstens aufeinander zu bewegen, und das ist hier nicht der Fall.

    Mit anderen Worten: Doch, man muss sich um Youtube durchaus Sorgen machen. Ich habe hier in den USA aus dem Youtube-Umfeld jedenfalls schon deutliche Nervosität rausgehört…

  2. @Andreas: Danke für die Ergänzung in Sachen Bilanzierung. Auch wenn bei einer Bilanzierung eigener Aktien zu Marktpreisen Google zuschreiben musste, dürfte mein Argument, dass der Kauf von YouTube günstiger war als es der hohe Preis optisch vermuten lässt, nicht entkräftet sein.

    Dass die Bandbreite viel Geld kostet und kaum beeinflussbar ist, dürfte für YouTube außer Diskussion stehen. Aber solange sie eben nicht durch Werbung kompensiert werden kann (weil durch steigende Zugriffszahlen die Kosten für Bandbreite schneller steigen als die Einnahmen der neben und in den Videos platzierten Werbung), muss man vermutlich doch über Bezahlmodelle regulierend eingreifen.

    Populär wäre es freilich nicht. Aber ist das in Zeiten der aktuellen Krise nicht eher ein Luxusproblem?

  3. Pingback: » Wie pleite ist YouTube? [UPLOAD Blog]

  4. Bandbreite sollte wie auch Serverkapazität und Datenhandling im Hause Google alltägliches Geschäft sein. Die führende Suchmaschine mit all ihren zahlreichen Diensten dürfte ebenfalls sehr teuer sein. Ich möchte gar nicht wissen, was die vielen Lizenzen für Google Maps und Google Earth beispielsweise kosten. Trotzdem ist anhand der beeindruckenden Quartalsgewinne ersichtlich, dass sich Google Dank der eigenen Gelddruckmaschine namens „AdWords“ solche Experimente leisten kann.

    YouTube ist mit weitem, weitem Abstand das größte Videoportal der Welt. Und es ist im Besitz einer Firma, die gar nicht mehr weiß, wohin mit den vielen Einnahmen (siehe Google Ventures). Zudem erwarten so manche, dass Suchmaschinenmarketing der große Gewinner der Krise sein könnte und entgegen dem Trend sogar zulegt – weil sich hier Kosten und Nutzen exakt berechnen lassen und beides in einem ausgezeichneten Verhältnis zueinander steht.

    Einen Pro-Account zusätzlich zum jetzigen Angebot könnte ich mir bei YouTube dennoch gut vorstellen, ohne dass die Nutzer auf die Barrikaden gehen. Und ich bin mir sehr sicher, dass es entsprechende Pläne bei Google in den Schubladen gibt. Aber wozu sie herausholen, wenn man es nicht muss? In „What would Google Do?“ beschreibt es Jeff Jarvis ja gerade als eine Lehre, die man aus Google ziehen kann: Biete Deine Dienste so günstig an, wie es gerade eben geht – dann kann Dich keiner mehr unterbieten und der Markt ist Dein.

    Und wie gesagt: Google hat die letzten Jahre erhebliche Gewinne gemacht und es könnte gut sein, dass die sogar „krisenfest“ sind. Da muss man sich eher um viele andere Videoportale Sorgen machen.

  5. @Jan: So muss es wohl sein! Wenn Google sich auf Google Earth sogar die Darstellung der Unterwasserwelten leistet…

    Allerdings sollten wir dabei auch nicht vergessen, dass Google nicht gezögert hat, im Bereich HR (Human Ressources) einige Arbeitsplätze abzubauen und definitiv Mitarbeiter freizusetzen. Im Zweifel wird also durchaus „gespart“ bzw. es werden unbequeme Entscheidungen getroffen.

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