Wird der Freitag das nächste Zoomer.de?

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Zoomer (aus dem Hause Holtzbrinck) ist ja schon Geschichte. Der Freitag (jetzt verlegt von Jakob Augstein) dagegen hat gerade erst so richtig neu begonnen, inzwischen aber schon Ärger mit seinen Bloggern. Was auf den ersten Blick nur nach technischen Unzulänglichkeiten einer Anlaufphase aussieht, könnte ein tief reichendes Kulturproblem sein und das gesamte Projekt in Gefahr bringen.

Öffentlich Luft machte zunächst Christian Sickendieck (Fixmbr) seinem Ärger. Deutlich moderater folgte ihm Cem Basman (Sprechblase), bevor die Debatte mit einem Beitrag von ChristianBerlin direkt auf die Seiten des Freitag fand und zuletzt mit einer „Kritik an der Kritik“ von Jakob Augstein fortgeführt wurde.

„Sie müssen bedenken, dass ich – und wir alle hier – aus der Kultur des Printjournalismus kommen.“

Mit dieser Aussage belegt Jakob Augstein das ganze Dilemma des Freitag: So gut und einmalig die Idee war (und natürlich immer noch ist), die wöchentlich erscheinende Print-Ausgabe im Netz durch ein offenes System von Blogs zu ergänzen, so schlecht geriet die Umsetzung, weil das nötige Know How fehlte.

Der Freitag startete nämlich durchaus als attraktives Medium und zog mit Christian Sickendieck oder Cem Basman nicht gerade die Unerfahrensten oder Unbekanntesten unter Deutschlands Bloggern an. Ganz im Gegenteil. Und eigentlich hätte dem Freitag gar nichts Besseres passieren können, als ein paar namhafte Personen aus der Blogosphäre schon in einer sehr frühen Phase anziehen zu können. Aber dieses Potenzial hat man in Berlin offenbar überhaupt nicht erkannt und die Leute beinahe schon verprellt.

Reichlich spät reift denn auch bei Jakob Augstein die Erkenntnis, dass das Internet viel schneller ist als eine Zeitung („Zeitungen brauchen Zeit“) und dass es hier weniger Geduld und weniger Bindungen gibt. Im Netz gibt es dafür etwas anderes, worauf erfahrene Blogger großen Wert legen: Ihre Online-Reputation. So schnell sie bei neuen Projekten und Ideen dabei sind, so schnell verlassen sie auch wieder das (vermeintlich) sinkende Schiff, etwa wenn dessen Ruf anfängt Schaden zu nehmen und droht, auf ihre eigene Online-Reputation abzufärben.

Für einen Herausgeber mit dem berühmten Namen Augstein mögen das harte Worte sein. Man muss aber sehen, dass sich selbst in der so kleinen und relativ unbedeutenden deutschen Blogosphäre über die Jahre so etwas wie eine Art Wertesystem herausgebildet hat, das man nicht einfach völlig ignorieren kann. So gesehen ist der Aufschrei von Christian Sickendieck noch nicht das Ende und der Freitag ist noch kein sinkendes Schiff. Ein Umsteuern ist noch möglich. Gut wäre es, man würde spätestens jetzt ein oder zwei Lotsen an Boot holen, die nachweislich Erfahrung im Web 2.0 haben und das Bloggen nicht nur aus Büchern kennen.

„Das Besondere fehlt immer noch. Wo sind die Artikel zur SPD, deren Hybris und die Linkspartei? Der Alltag ist überflüssig, ebenso wie A-Z. Hier muss Neues her, Innovatives, Überraschendes.“

Damit trifft Christian Sickendieck die zweite wunde Stelle des Freitag: Den Anspruch, irgendwie anders zu sein als die anderen Medien und einen neuen Ton einzuführen, kann das neue Hybridmedium nach den ersten Wochen noch nicht wirklich einlösen.

Die Ursache dafür ist schnell ausgemacht, sie kann in obigem Zitat von Jakob Augstein verortet werden. Der Freitag denkt noch viel zu sehr aus der alten Print-Perspektive heraus und hat deshalb bestimmte Themen und Strömungen gar nicht auf seinem Radar, weil diese nur noch online stattfinden.

Auch wenn die Printexperten (aller Medien) das nicht wahrhaben wollen: Die Avantgarde ist heute mit ihren Ideen und Themen fast vollständig im Netz und über die alten Medien kaum mehr abzugreifen. Mag auch der Suhrkamp Verlag von Frankfurt nach Berlin umziehen, dem Freitag bringt das nichts, weil dieser Buchverlag ohnehin kaum viel mehr ist als ein honoriges Museum.

Der Freitag müsste sehr viel konsequenter aus dem Netz heraus gedacht und entwickelt werden. Würde man das tun, fiele auch sofort auf, dass man bei den Autoren ein Zwei-Klassen-System fährt, bei dem die Blogger nur für die Texte bezahlt werden, die besonders gut sind und in die Printausgabe übernommen werden. Für die Autoren im Printbereich gibt es diese qualitative Unterscheidung nicht. Warum eigentlich?

Davon abgesehen ist es im Prinzip völliger Unsinn, gute Texte aus den Blogs nachträglich noch einmal in gedruckter Form zu veröffentlichen. Das ist zwar nett gedacht, aber die Debatte läuft ja ohnehin im Netz und kann von einem Abdruck im Printmedium weder eingeholt werden noch zusätzliche Impulse gewinnen.

Der Printbereich des Freitag sollte statt dessen eher auf lange Texte setzen, weil viele Menschen immer noch lange Texte lieber auf Papier als am Bildschirm lesen. Dazu könnte man zu wichtigen Debatten (mit vielen Kommentaren) eine Art Zusammenfassung bringen. Damit würde der Onlinebereich vorneweg ziehen, während der gedruckte Freitag alles Wichtige nachführen, einordnen und zusammenfassen könnte. Eine solche Arbeitsteilung würde aber ganz klar das Primat der Onlineausgabe zubilligen, was man derzeit in Berlin wohl noch nicht will.

„Der Schub des Beginns ist weg, und nun dümpelt man einfach mal so weiter in der Hoffnung, dass es besser wird.“

Rainer Meyer (Don Alphonso) gibt sich also skeptisch und verweist bei dieser Gelegenheit zwischen den Zeilen auch darauf, dass er mit seiner Einschätzung zu Zoomer richtig lag. Ich hingegen traue Jakob Augstein einen Kurswechel zu, weil er keine Alternative hat. Denn sein Grundkonzept, den Umsatz im Wesentlichen mit der gedruckten Ausgabe zu machen und parallel dazu ein Standbein im Internet aufzubauen, das zwar weiter reicht als die Ansätze anderer Medien, aber immer noch dem Primat des Print untergeordnet bleibt, ist aufgrund des sich jetzt beschleunigenden Medienwandels Makulatur.

Da Jakob Augstein sicher nicht als der Totengräber des Freitag in die Geschichte eingehen will, wird er jetzt handeln. Etwas Zeit hat er noch…

20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn ich an die letzten Monate zurückdenke, dann ist nur ein wirklich herausragender Text im Freitag erschienen – „An der Staatsgrenze“ von Augstein selber. Ansonsten gehen vom Freitag noch nicht die Impulse aus, die ich mir vom ihm verspreche. Es fehlt dabei nicht nur an Substanz in Sachen Web2.0-Expertise, sondern auch in Substanz in der Redaktion an sich.
    Seien wir ehrlich: Der Freitag hat ein Geldproblem. Augstein wird immer sehr vorsichtig sein, nicht zu verschwenderisch mit seinem Privatvermögen umzugehen. Und im nächsten Jahr wird ihm der Spiegel sicher gar nichts überweisen. Der Schlüssel zum Erfolg des Freitags wird auch sein, dass Augstein einen zweiten Investor findet, der mutig Geld in eine fremde Idee steckt.

  2. Eine auf den Punkt gebrachte Analyse. Vor allem der künstlich gezogene Graben zwischen ”wir aus der Printkultur“ und ”ihr Blogger aus dem Web“ ist ein schwerer Geburtsfehler. Ich bin nicht sicher, ob sich das nachträglich noch korrigieren lässt, zumal Jakob Augstein in seinem Kommentar den Graben eher noch vergrößert, in dem er den ”Webnomaden“ Bindungsfähigkeit abspricht und irgendwie auch die Kultur, denn er sagt ja, eine andere als die ”Kultur des Printjournalismus“ gebe es momentan noch nicht. Abgesehen davon, dass das Unsinn ist (Hörfunk- und Fernsehjournalisten ohne Kultur?), klingt es herablassend gegenüber allen, die sich publizierend im Web zuhause fühlen, ohne je für eine Zeitung geschrieben zu haben.

  3. An den Haaren herbei gezogene künstlich geschaffene Communitykonstruktion eines geldgebenden Herausgebers, der meint die ach so hochstehende Journalismuskultur mit der Muttermilch eingesogen zu haben. Augstein schreibt sympathisch im Wortsinne und macht die Fehler, die unter der Kategorie ‚Waldsterben‘ laufen.

    @Ulrike: Ja, er verbreitert den Graben. Ich denke er macht das sehr bewusst. Augstein stellt sich vor sein Kernprojekt und seine Angestellten. Das er die Brücke gegenüber den ‚Netznomaden‘ hochzieht ist eine bewusst vorgenommene Ausgrenzung. Ich kann es ihm nicht verdenken. Die Situation hat szenisch was von ‚Mad Max 2‘ :)

    @Torsten: Mach mal halblang. Christian schreibt ‚Meinung‘ und als Meinung muss man das auch bewerten. Mir hat er auch schon ‚Boulevard‘ vorgeworfen und ich war bestimmt drei Minuten beleidigt.

  4. Bleiben wir doch bei einer sachlichen Analyse der Situation. Ich habe deshalb auch den Kommentar von „Torsten“ gelöscht, weil er als Beleidigung aufgefasst werden könnte (die erste Zensur hier im Blog, so weit ich mich erinnern kann).

    @Markus: Die (rhetorische) Frage meines Titels wird tatsächlich nicht im Text durchdekliniert, sie wird nur im ersten Satz aufgenommen und gegen Schluss mit Bezug auf Don Alphonso in den von mir intendierten Kontext gestellt.

    @Ulrike + Markus: Der Graben ist da, ohne Zweifel. Ich denke aber nicht, dass Jakob Augstein bewusst „ausgrenzen“ will. Er sieht die lange Tradition und Kultur des Printjournalismus und vermisst vermutlich die Anknüpfungspunkte im Web, weil die Netzkultur einfach ganz anders ist.

  5. Widerspruch. Der Graben ist nicht einfach da. Er wird aktiv und stetig ausgehoben und zwar durch eine unglaublich ungenügende technische Durchführung und durch ein von oben herab publiziertes Gatekeeper Gerede mit merkwürdig realitätsfernen Community Management.

    Gerade bei Bloggern wurde das Projekt mit sehr hoher Spannung und weil mit Geld unterfüttert auch mit hohen Erwartungen erwartet. Jetzt sind fast zwei Monate vorbei und ‚die lange Tradition und Kultur des Printjournalismus‘ hat sich nicht mit Ruhm bekleckert.

    Der Zustand wird in Häppchen an vielen Orten und mit vielen Internet typischen Kritikformen hübsch transparent kritisiert.

    Dass die Netzkultur keine Firmenstruktur mit definierten Kommunikationsschnittstellen abbildet ist nun wirklich kein Problem, das jemanden aus der Netzkultur ernsthaft kümmert. Da hätte sich ‚die andere Seite‘ mal besser vorher etwas gekümmert und sich evtl. auch ein wenig von der im Internet heute üblichen Geekkultur und OpenSource Lösungsorientiertheit abschauen sollen.

    Stattdessen wird das eigene Konzept gebauchpinselt – wo es ja gar keine große Kritik gibt – und die nach Eigenlob duftende – technisch abseits aller heutigen Standards verwirklichte – künstlich geschaffene Communitykonstruktion ohne jeden Realitätsbezug als einzigartiger Erfolg dargestellt.

    Bei solchen ans Nicht-Journalisten-Volk verabreichten Verlautbarungen aus dem Elfenbeinturm muss man doch mit fundierten Community Erfahrungen als Netzpraktiker seit der Atari Mailboxzeit nicht unbedingt sachlich bleiben, oder?

    PS: Auf „Wird der Freitag das nächste Zoomer.de?“ bin ich nur eingegangen weil mich interessiert hätte, wie Du zwei dermaßen unterschiedliche Konzepte und Systeme vergleichen wolltest/würdest. Zoomer habe ich mir drei Minuten angesehen und dann war wieder weg.

  6. Lieber Mathias,

    der Freitag bringt seinen gesamten (!) Print-Inhalt kostenlos ins Netz. Zusätzlich haben wir im Netz redaktionell erstellte Inhalte, die nicht im Print erscheinen. Ich kann nicht sehen, wie wir unter diesen Umständen Print das Primat einräumen, wie Sie schreiben.

    In der Tat bin ich der Auffassung, dass Qualität Institutionen braucht und Institutionen nur auf Dauer bestehen können. Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie mir – neben dem Perlentaucher – eine mediale Qualitäts-Institution nennen könnten, die im deutschen Netz entstanden ist.
    Dass das Netz ein anderes Nutzungsverhalten begünstigt als die Zeitung, ist doch nun wirklich keine Neuigkeit. Ein Click und man ist weg. Das bedeutet, die Frustrationsschwelle der Nutzer ist eindeutig niedriger.

    Sie schreiben über die Bloger

    „So schnell sie bei neuen Projekten und Ideen dabei sind, so schnell verlassen sie auch wieder das (vermeintlich) sinkende Schiff“

    Das sehe ich genau so. Und ich glaube, dass das eine Gefahr für das Netz ist – weil es den Aufbau der Institutionen gefährdet, die Vereinzelung fördert.

    Ich finde Streit gut. Darum sage ich Ihnen meine ehrliche Meinung: Ich bin sei 15 Jahren Journalist. Ich habe bei der SZ und bei der Zeit gearbeitet. Ich bin kein politischer Journalist im engeren Sinne. Aber ich habe gesehen, wie die arbeiten und habe eine ungefähre Ahnung von den Möglichkeiten und den Grenzen des journalistischen Einflusses. Und ich sage Ihnen: Es gibt keine einflussreichen Blogger in Deutschland. Außer denen, die ihren Einfluss aus dem Printbereich ziehen. Das ist auch kein Wunder. Weil die Zeitungen ihren Einfluss auf ihre Größe gründen, ihre finanzielle Kraft, ihre Tradition, ihre Reputation. Weil sie Institutionen sind.

    Sie können sagen, dass Ihnen diese Art von Einfluss egal ist, weil Ihnen die Blog-Beiträge von Don Alphonos mehr bedeuten als die Leitartikel von Heribert Prantl. Klar. Können Sie machen.

    Die Machtstrukturen in dieser Gesellschaft, in der Politik, in der Wirtschaft gehen dann aber an Ihnen vorbei. Sie haben dann darauf keinen Einfluss sondern schaffen sich eine virtuelle eigene Welt. In der wird nicht über Löhne entschieden und Straßenbau und Umweltschutz und Krieg und Frieden und Steuern und Schulen. Das ist keine Wertung. Es ist eine Beobachtung. Wenn Menschen, die ans Netz glauben, das ändern wollen, müssen sie im Netz Institutionen schaffen. Dafür braucht es Geduld und Disziplin (schlimmes Wort, Entschuldigung).

    Ich glaube, was hier geschieht ist sehr spannend. Es geschieht nämlich, dass Leute wie ich, die aus einer anderen Kultur kommen, plötzlich bei „Ihnen“ eindringen und sagen: Das Netz ist toll. Es ist schnell, Herrschaftsarm. Lustig. Experimentierfreudig. Jetzt lasst es uns auch relevant machen.

    Um es klar zu sagen: Spiegel Online und FAZ.net sind in „Ihre“ Welt noch nicht eingedrungen. Weil sie nichts anderes machen als Printjournalismus im Netz. Ich glaube wirklich, dass wir beim Freitag etwas Neues machen. Und daher rühren diese Debatten. Und darum freue ich mich über diese Debatten.

    Oder verstehe ich das alles total falsch?

    Liebe Grüße,
    Ihr JA

  7. Hi JA, Hi @all,

    ich melde mich zu dieser Diskussion spontan aus dem Rheinland mit einer unüberlegte Äußerung zu Wort:

    Da existiert m.E. einen erheblicher Unterschied zwischen den zwei Argumenten von J.A. – dem Qualitätsargument und dem Machtargument.

    In der Frage der Qualtität würde ich Ihnen folgen, was die besondere Stellung von Perlentaucher betrifft. Ebenso hinsichtlich der Chancen des Freitag, auf dieses Niveau fast aufzuschließen – theoretisch, mit etwas Glück und Lernbereitschaft auch praktisch. 😉

    Bei der Frage, welche Macht die politische Online-Kommunikation hat, sehe ich das – bisher jedenfalls – vollkommen anders als der „Traditionalist“ (nicht im Sinne der Pius-Brüder gemeint) Augstein.

    [Zitat J.A.]Die Machtstrukturen in dieser Gesellschaft, in der Politik, in der Wirtschaft gehen dann aber an Ihnen vorbei. Sie haben dann darauf keinen Einfluss sondern schaffen sich eine virtuelle eigene Welt. In der wird nicht über Löhne entschieden und Straßenbau und Umweltschutz und Krieg und Frieden und Steuern und Schulen. [/Zitatende]

    Diese These ist nach der Wahl in den USA m.E. nicht mehr unumstritten haltbar. Ich habe das nicht selbst recherchiert, aber ich vertraue den Berichten, dass dabei die virtuelle Welt ein ganz entscheidender Faktor war beim Füllen der Wahlkampfkasse des Siegers – was im Endeffekt über Krieg und Frieden, Steuern und Schulden maßgeblich entscheiden wird.

    So mächtig scheinen die Alten Medien und Methoden nicht mehr zu sein. Die politisch relevante Kommunikation kann sich anders organisieren focussieren. Oder haben Sie bessere Informationen oder Überlegungen (oder Veröffentlichungen), die geeignet wären, diesen Fortschritt als bloßen Mythos zu entlarven?

    Liebe Grüße von Rhein und Ruhr
    Ihr/Euer Blogger in der Pause CB

    PS: Möglicherweise hat das oder Ähnliches schon jemand angemerkt, als ich es abfasste, war JA’s Statement der letzte Kommentar hier.

  8. @Markus: Man muss nicht sachlich bleiben, gewiss nicht. Man darf seiner Enttäuschung schon Luft machen. Dabei stehen bleiben sollten wir aber auch nicht.

    Die Debatte ist da und Jakob Augstein nimmt teil – was wollen wir mehr? Jetzt sollten wir Blogger aufpassen, dass nicht wir es sind, die den „Graben“ tiefer ausheben!

    @Jakob Augstein: Danke, dass Sie den Ball aufgreifen und hier mitdiskutieren. Sie haben vollkommen recht, wenn Sie schreiben, dass es keine einflussreichen Blogger in Deutschland gibt. Unsere Blogosphäre ist ein noch relativ kleiner „Raum“ ohne nennenswerte Außenwirkung.

    Deshalb ist es absolut positiv, wenn Sie jetzt mit dem Freitag versuchen, mehr Relevanz ins Netz zu bringen und dabei den Brückenschlag in die Blogosphäre suchen. Allerdings sind Sie dabei auf ein glattes Parkett geraten, weil den Bloggern hierzulande vielleicht die Relevanz im politischen und wirtschaftlichen Raum fehlen mag, nicht aber die technische Versiertheit im Umgang mit dem Netz. Und so stürmisch man Sie begrüßt hat, so groß war dann auch die Enttäuschung ob mancher Unzulänglichkeit.

    Zum Begriff „Institution“: Diese brauchen wir gewiss. Doch Vorsicht: Im Netz müssen das keine „Tanker“ sein, Reichweite und Relevanz schaffen (prinzipiell) auch kleine Boote. Das zeigen Beispiele aus den USA, etwa TechCrunch oder auch Daily Kos.

    Insgesamt kann ich also nicht sehen, dass Sie das alles total falsch verstehen! Sonst würden wir ja auch nicht hier diskutieren, oder?

    @CB: Vielen Dank für den sehr guten Hinweis auf die USA! Mag auch die deutsche Politik das Internet noch weitgehend ignorieren oder für irrelevant halten, die USA zeigen uns, wohin die Entwicklung auch in Deutschland führen wird.

    Die Relevanz der gedruckten Medien in Deutschland kann also nur noch langsam aber stetig abnehmen. Das aktuelle Zeitungssterben in den USA zeigt zudem, dass sich selbst dort keine Institution (mit noch so großer Tradition) darauf verlassen kann, den Übergang ins digitale Zeitalter zu bewältigen.

  9. Ich muss sagen, dass ich von der Antwort Jakob Augsteins entsetzt bin:

    JA: „Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie mir – neben dem Perlentaucher – eine mediale Qualitäts-Institution nennen könnten, die im deutschen Netz entstanden ist.“

    Wie wäre es mit: Bildblog, Netpolitik, Netzökonom, Meedia, Heise.de, Lawblog – und letztlich auch Spiegel Online, um nur einige Beispiele zu nennen? Was ist das für ein absurd hoher Anspruch an ein so junges Medium, das in ein Feld zahlreicher bestehender Qualitäts-Institutionen hineingeworfen wird. Die Aufgabe besteht darin, neue, bessere Institutionen im Netz zu bauen. Die Qualitäts-Institutionen, die wir in den klassischen Medien haben sind keinesfalls Perfekt. Ihre wirtschaftliche und technologische Grundlage erodiert gerade. Zwar gibt auch Augstein den Appell aus, neue Institutionen auch im Netz zu schaffen – aber nicht ohne die bisherige Entwicklung abzuwatschen.

    JA: „Aber ich habe gesehen, wie die arbeiten und habe eine ungefähre Ahnung von den Möglichkeiten und den Grenzen des journalistischen Einflusses. Und ich sage Ihnen: Es gibt keine einflussreichen Blogger in Deutschland. Außer denen, die ihren Einfluss aus dem Printbereich ziehen.“

    Vor nicht einmal einem Jahr hat der Spiegel den letzten großen Text über die Bedeutungslosigkeit der Blogger geschrieben (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,567038,00.html). Seitdem gab es mindestens fünf Ereignisse, die sehr deutlich die wachsende Macht von Blogs und digitaler Öffentlichkeit gezeigt haben:
    – DFB vs. Jens Weinreich
    – Knüwer vs. Iwersen
    – Deutsche Bahn vs. Netzpolitik
    – „Wilhelm“ zu Guttenberg (http://www.bildblog.de/5704/wie-ich-freiherr-von-guttenberg-zu-wilhelm-machte/)
    – Die Debatte um Kinderporno-Sperren, die ohne Blogs anders gelaufen wäre
    Es mag in Deutschland noch keine ganz einflussreichen Blogger geben – der der Trend ist eindeutig und ermutigend.
    Es gibt in diesem Land sehr viele Print-Journalisten mit weniger Einfluss auf die Meinungsbildung als die Top-Blogger. Dass Stefan Niggemeier und Thomas Knüwer einen Print-Hintergrund haben, heißt nicht, dass sie allein diesem Hintergrund ihren Einfluss verdanken. Sie haben ihn sich im Netz neu erworben. Schließlich ist nicht jeder bloggende Print-Redakteur automatisch erfolgreich.
    Sehr problematisch ist auch, dass Augstein hier Einfluss als absolute und nicht als relative Größe behandelt. Einfluss scheint damit letztlich quantitativ und in einer gemeinsamen Sphäre messbar. Dieses Denken ist letztlich im massenmedialen Modell verhaftet. Augstein meint: Einflussreich und relevant ist, was er als einflussreich und relevant wahrzunehmen vermag. Das aber ist zu kurz gesprungen.

    JA: „Die Machtstrukturen in dieser Gesellschaft, in der Politik, in der Wirtschaft gehen dann aber an Ihnen vorbei. Sie haben dann darauf keinen Einfluss sondern schaffen sich eine virtuelle eigene Welt.“

    Wie hier versucht wird, das Internet als Hort von eigenbrödlerischen Idiosynkraten abzutun, ist schon atemberaubend. Ich kann aus meiner Erfahrung als Blogger nur sagen, dass ich genügend Anrufe, E-Mails und sonstige Reaktionen von Politikern, Beamten und Funktionären bekomme, um zu wissen, dass man hier schon lange nicht mehr ins Leere schreibt. Hingegen ist die Frage, ob oberflächlich intellektualisierende Medien wie die Zeit auch nur annähernd einen Policy-Einfluss haben, wie zum Beispiel Netzpolitik in ihrem Feld.

    Im Netz werden sich neue, sehr spannende Institutionen herausbilden. Gerade in Deutschland steht diese Entwicklung noch ganz am Anfang. Es ist zunächst einmal festzustellen, dass das Online-Institutionenbauen auch dem Freitag derzeit nicht leicht fällt.

  10. @Robin: Einspruch! Einflussreiche Blogs haben wir in Deutschland gewiss, Du hast ja einige aufgezählt. Aber kaum eines dieser Blogs kann als wirtschaftlich eigenständige Institution gesehen werden, die einen oder gar mehrere Autoren ernähren kann.

    Vielleicht das Blogwerk (Peter Hogenkamp), Yeebase (dort allerdings auch mit einem Standbein im Printbereich) oder Peter Turi (turi2). Auch silicon.de könnte dazugerechnet werden. Ansätze sind schon da, diese aber sind noch weit weg vom Themenfeld der Politik.

    Daneben gibt es Spiegel Online oder heise.de, die aber keine Blogs sind und zudem aus erfolgreichen Printprodukten hervorgegangen sind. Das schmälert ihre Leistung nicht, aber ich rechne sie einer anderen Kategorie zu.

    Mein Fazit: Die Institutionenbildung im deutschsprachigen Netz ist schon erkennbar, steckt aber noch in sehr bescheidenen Anfängen.

  11. „Würde man das tun, fiele auch sofort auf, dass man bei den Autoren ein Zwei-Klassen-System fährt, bei dem die Blogger nur für die Texte bezahlt werden, die besonders gut sind und in die Printausgabe übernommen werden. Für die Autoren im Printbereich gibt es diese qualitative Unterscheidung nicht. Warum eigentlich?“

    Warum? In einer Zeitung ist der Platz begrenzt. Eine Redaktion trifft eine Auswahl, welche Texte es wert sind, diesen Platz zu belegen. Ob die Auswahl gut ist und ob ein solch limitiertes Medium überhaupt noch sinnvoll ist, sei dahingestellt – erstmal ist dies der Status quo. Eine überschaubare Anzahl von Beiträgen kann man finanziell honorieren, auf Basis einer Kalkulation, die wiederum die bestehenden Einnahmen und Ausgaben berücksichtigt – und ein Stück vom Kuchen wird dann unter den Autoren aufgeteilt.

    Im Netz ist hingegen unbegrenzt viel Platz. Wenn man jedem Freitag-Blogger für jeden Beitrag Honorar zahlen würde, kann man den Laden gleich dicht machen. Zu schnell würden Leute Nonsensbeiträge posten und Geld abfreifen. Oder man schaltet nur noch gute Beiträge frei, und zwar so viele, wie man bezahlen kann. Mal gucken, wer dann alles „Zensur!“ schreit.

    Für Autoren im Printbereich gilt diese Unterscheidung außerdem auch. Es wird ja nicht Hans und Franz Autor, sondern Leute, die von der Redaktion für gut befunden werden. Wie die Blogger. Wer regelmäßig Crap beim Freitag abliefert, wird sicherlich nicht wieder mit Artikeln beauftragt. Der einzige Unterschied ist der Distributionsweg. Aber ansonsten sind „Blogger“ in dem Moment „Autoren“, wo sie in der Zeitung stehen.

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  13. Es ist spät. Ich halte mich kurz.

    @Robin M-L Danke. Davon teile ich Vieles. Ebenfalls Danke für die großen Beispiele. Ich spare mir Weitere.

    @JA „Es gibt keine einflussreichen Blogger in Deutschland.“

    Das ist der Elfenbeinturm wie er leibt und lebt. Kleine lokale Internetseiten werden wahrgenommen, zitiert und haben Einfluss. Außerdem wird Geld verdient.

    Es ist nicht alles Berlin, Bundespolitik und Elfenbeinturm. Es gab, gibt und wird diverse Säue geben, die durchs Dorf getrieben werden und wo neue Medien Wucht entfalten.

    Ich sage es anders rum: Der Freitag stellt sich für mich als nicht relevant genug dar, als dass ich über dieses Projekt in meiner Lokalausgabe berichten möchte.

    @JA „Leute wie ich, die aus einer anderen Kultur kommen, plötzlich bei “Ihnen” eindringen“

    Das nenne ich einfach nur arrogant, weil hier allen anderen Menschen und Kulturen Kompetenz abgesprochen wird. Früher nannte man das Imperialismus. Alleine das Bild von der guten Penetration der Eingeborenen unter dem Journalisten-Banner ‚Relevanz schaffen (nur wir)‘ ist sogar gefährlich.

  14. @Michael: Das Argument mit dem begrenztem Platz in der gedruckten Zeitung ist natürlich richtig. Nur bedeutet das noch lange nicht, dass man in der Community die Artikel pauschal vergüten müsste: Man könnte ja auf deren Seitenabrufe, Verlinkungen von Dritten und die Menge der Kommentare abheben.

    @Markus: „Es ist nicht alles Berlin, Bundespolitik und Elfenbeinturm“. Ganz genau! Das Internet schafft eine ganz neue Infrastruktur und damit auch Relevanz auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

  15. „Das Internet schafft eine ganz neue Infrastruktur“

    Komisch, nicht? Und weil freitag.de so eine, äh, merkwürdige Infrastruktur technisch eher bizarr realisiert, wird das Projekt gerade so schön bottom-up von den Leuten mit Infrastruktur-Know-How seit Wochen wohlwollend in die Tonne getreten.

  16. @Markus: So ist es. Und beim Freitag reagiert man irritiert, weil man die Bedeutung und die Möglichkeiten der neuen Infrastruktur (noch) nicht sieht.