Das Internet, die Musik und das liebe Geld

Mit „Gefühl“ will Marcel Weiß (netzwertig.com) die ökonomische Situation der Musikindustrie im digitalen Zeitalter erklären und erntet trotzdem reichlich Widerspruch in den Kommentaren.

Die Konfliktlinie ist dabei schnell ausgemacht: Marcel argumentiert ökonomisch absolut korrekt für Musik, die im Internet verfügbar ist. Er stuft diese Musik unter die Rubrik freie Güter ein. Allerdings blendet er bei dieser Betrachtung konsequent alle Umstände aus, die zur Erzeugung und Digitalisierung dieser Musik geführt haben.

Seine „Gegner“ hingegen sehen die Dinge ganzheitlicher und führen eher urheberrechtliche Argumente an. Sie können, vielleicht auch mangels volkswirtschaftlicher Kenntnisse, nicht auf derselben Ebene wie Marcel argumentieren und somit auch nicht ausdrücken, dass Musik im Internet eher als Gemeingut und nicht als freies Gut angesehen werden muss.

Den Unterschied sehe ich so: Gemeingüter sind in ihrer Verwendung genauso frei wie freie Güter, ihre Bereitstellung ist jedoch mit Kosten verbunden. Ein freies Gut ist etwa die Luft (zum Atmen). Niemand stellt sie her, sie ist einfach da und verursacht keine Kosten. Dagegen ist ein kostenloser Parkplatz ein Gemeingut, da seine Nutzung zwar nichts kostet, er aber erst angelegt werden muss und dabei Kosten verursacht (auch der laufende Unterhalt kann Kosten verursachen, die aber nicht der Nutzer zu tragen hat).

Damit will ich der Argumentation von Marcel nicht widersprechen! Ich möchte nur das Augenmerk darauf lenken, dass Musik im Internet zwar grundsätzlich frei ist (und auch sein soll!), aber ihre Erstellung und Digitalisierung weiterhin Geld kosten.

Wer das im Hinblick auf kleinere Bands für vernachlässigbar hält, denke zum Beispiel mal an die Berliner Philharmoniker: Um hier eine qualitativ gute digitale Aufnahme herzustellen, sind fast Hundert Musiker und ein paar Toningenieure unterwegs. Werden die das auch weiterhin tun, selbst wenn sich die Kosten der Produktion nicht mehr direkt amortisieren lassen? Könnte das Orchester nicht auch einfach nur ein paar kurze Stücke auf YouTube stellen und das Publikum ansonsten auffordern, doch einfach in die Konzerte zu kommen?

Der Folgerung von Marcel, dass Musik als freies Gut im Internet zu einem „unendlichen Angebot“ führen muss, kann ich deshalb nicht folgen. Die Berliner Philharmoniker übrigens auch nicht: Sie führen seit Dezember 2008 eine Digital Concert Hall. Wer hier Musik miterleben möchte, muss dafür bezahlen.

Noch ist das ein Experiment. Es zeigt aber, dass im Internet Musik nicht kostenlos sein muss. Vor diesem Hintergrund sollten sich die Freunde digitaler Zeiten einmal fragen, warum Musiker auch künftig ganze Alben produzieren und kostenlos ins Netz stellen sollen: Doch nicht nur für die Bequemlichkeit derjenigen, die gern kostenlos konsumieren?

Passend zum Thema sind auch die Ausführungen von Christian Henner-Fehr (Kulturmanagement Blog) mit dem Blick auf Kultureinrichtungen und Leander Wattig in Bezug auf die Buchbranche.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich sehe gerade, dass Dein Text ja auch hier erschienen ist.
    Deshalb hier auch noch einmal:

    „Allerdings blendet er bei dieser Betrachtung konsequent alle Umstände aus, die zur Erzeugung und Digitalisierung dieser Musik geführt haben.“

    Das ist schlicht und einfach falsch. Ich bin sehr ausführlich darauf in meinem Artikel eingegangen.

  2. @Marcel: Danke für Deine Kommentare hier und auf Carta. Ich zitiere aus Deinem Beitrag:

    „Digitale Musikaufnahmen in Form von Musikdateien unterscheiden sich massgeblich von ihren physischen Verwandten:
    (1) Sie sind freie Güter. Das heißt, sie sind unbeschränkt verfügbar: Die digitalen Kopien einer Musikdatei können nicht mit einem Mal aufgebraucht sein.
    (2) Nichtrivalität im Konsum: Musikdateien können von vielen Personen konsumiert (angehört, gestreamt, heruntergeladen) werden, ohne dass dieser Konsum den Konsum anderer Personen beeinflusst.“

    Genau auf diese Passage beziehe ich mich – und nur auf diese, wenn ich formuliere: „…blendet er bei dieser Betrachtung…aus….“.

    Nochmals: Mein Verweis auf „Deine Betrachtung“ bezieht sich also nicht auf Deinen gesamten Artikel, sondern nur auf diesen hier in meinem Kommentar zitierten Ausschnitt. Sorry, wenn das missverstanden wurde.

  3. Diese Diskussion als rein rechtliches Problem zu diskutieren, mag zwar für die Herren berfriedigend sein. Dennoch wird dies dem Problem nicht gerecht. Eine solche Entscheidung ( wie Musik im Internet ein zu stufen ist, und ob sie kosten soll oder nicht) darf eben auf keinen Fall theoretisch diskutiert werden, sondern nur unter Einbeziehung der Folgen einer solchen ENtscheidung!!!

  4. @UMTS: Danke für den Einwand! Die Kritik ist berechtigt, wenngleich man als Betriebswirt bisweilen ein Thema gern auch mal unter sehr streng formalen (ökonomischen bzw. rechtlichen) Aspekten diskutiert.

    Ich bleibe aber an der Thematik dran (ebenso Marcel Weiß) und werde in nächster Zeit die Sache unter etwas praktischeren Gesichtspunkten beleuchten. Versprochen!

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