Das Ende der Zeitungen: Change happens

Barack Obama hatte keine Zeit zu verlieren: Schon kurz nach seinem Wahlsieg ging er mit einer neuen Website online, Change.gov. Was aber hat das mit den Zeitungen zu tun?

Sehr viel, denn damit dürfte das Ende des Pressekonferenzen-Journalismus endgültig eingeleitet sein: Barack Obama wartet nicht mehr bis die Zeitungen über ihn schreiben, er stellt seine Botschaften gleich selbst ins Netz.

Damit werden Zeitungen derzeit aus drei Richtungen in die Zange genommen:

  1. Sinkende Auflagen (Wandel der Mediennutzung vor allem durch die junge Generation),
  2. Fallende Werbeeinnahmen (derzeit hauptsächlich konjunkturell bedingt),
  3. und dem Trend zur direkten Kommunikation im Web (siehe etwa Obama).

Davon werden sich die Zeitungen klassischer Machart nicht mehr erholen, ihre Zeit geht zu Ende. Robert Basic glaubt zwar, dass sie sich mit Kreativität retten können. Ich sehe das nicht. Die Verlage müssen sich neu erfinden, drastisch verkleinern und vom Begriff „Zeitung“ ganz abkommen.

Die wichtigsten Entwicklungen im Internet in Bezug auf Nachrichten:

(1) Wer etwas auf sich hält, publiziert selbst im Web und wartet nicht mehr, bis andere über ihn schreiben. Obama ist hier das Paradebeispiel, aber längst nicht der Erfinder der Sache. Dieser Entwicklung haben Zeitungen schlicht nichts entgegen zu setzen. Ihre Rolle als Übermittler von Botschaften wird im Internet zum großen Teil überflüssig.

(2) Das Anzeigengeschäft ist praktisch ebenfalls weg: Klein-, Kontakt-, Immobilien- und Stellenanzeigen lassen sich im Internet auf separaten Portalen effizienter organisieren. Im Prinzip könnten Zeitungsverlage solche Portale betreiben, praktisch haben sie den Trend verschlafen.

(3) Parallel dazu läuft der Trend zu Multimedia, insbesondere Video. Auch in Sachen Bewegtbild sehen die Zeitungen schlecht aus: Selbst wenn sie online auf Videos setzen, müssen sie für ihre Printausgaben weiterhin jedes Thema in Textform aufbereiten. Diese teure Doppelarbeit dürfte sich nicht rechnen.

(4) Was dem Journalismus tatsächlich bleibt, sind die Themen, die nicht von selbst ins Internet finden: Busunglücke, Wetterkapriolen und das Liebesglück der Prominenz. Aber auch hier gibt es kein Monopol mehr für diplomierte Schreiber oder akkreditierte Paparazzi, der „Bürgerjournalismus“ mischt jetzt mit, wo es ihm gefällt.

(5) In der immer weiter wachsenden Fülle medialer Angebote im Internet übernehmen Blogs (bzw. Watchblogs) zunehmend die Rolle der Redaktion und Themenauswahl. Die amerikanische Hightech-Szene macht es vor: Michael Arrington etwa frequentiert keine Pressekonferenzen mehr, die Nachrichten werden ihm direkt zugeführt. Parallel dazu schreiben alle Startups auf ihren eigenen Corporate-Blogs und hoffen, dass die großen Leitblogs das eine oder andere Thema aufgreifen. Das Agenda-Setting wird zudem über Kanäle wie Twitter massiv beeinflusst, wo weniger einzelne (prominente) Namen die Themen setzen, sondern auch die Schwarmintelligenz eine große Rolle spielt.

(6) Ein letzter wichtiger Punkt ist die weltweit zunehmende Themenvielfalt aufgrund des explosionsartig steigenden Wissens. Die Zeitungen stehen dem recht ratlos gegenüber, da ihr Redaktionsmodell darauf ausgelegt ist, für ein möglichst breites Publikum zu filtern und zu selektieren. Im Ergebnis haben alle Blätter die gleichen Agenturmeldungen auf ihren Seiten: Einfalt statt Vielfalt. Was im Printbereich eine zwingende Logik sein mag, wird im Internet von den Lesern unterlaufen, die sich aus der Fülle des Angebots ganz einfach (mit ein paar Mausklicks oder einem RSS-Reader) ihr individuelles Informationsmenü zusammenstellen.

Das alles zeigt, dass die Zeitung klassischer Prägung im Internet so keine Chance hat. So lange aber Verlage mit der „Zeitungs-Brille“ auf dem Kopf herumlaufen, werden sie den Ausgang in die Zukunft nicht finden.

Was tun?

Eigentlich ist es wie auf der Titanic: Das Schiff galt als unsinkbar, weshalb die Passagiere lange nicht in die Rettungsboote wollten. Zudem war es draußen kalt und im Schiff noch gemütlich warm…

Zeitungsverlage müssen jetzt die „Rettungsboote“ ins Wasser lassen, sprich kleine Teams bilden, die mit einem Blog ein klar umrissenes Themengebiet bearbeiten. Diese Blogs müssen sich als Profitcenter rechnen, eine Subvention gibt es nur in der Startphase.

Je mehr solcher „Blogboote“ ein Verlag zum Laufen bringt, desto besser. Ein Vorbild wäre etwa das Blog All Things Digital, das als eigenständiges Medium agiert und doch zum Wall Street Journal gehört (Dachmarke). Prominente Namen (Walt Mossberg) sorgen für Anziehungskraft (hoffentlich auch bei den Werbekunden).

Dass dieses Modell der professionellen Blogs funktionieren kann, zeigen die führenden amerikanischen Techblogs. Freilich: Diese Blog-Unternehmen sind ausgesprochen schlank gebaut und können keinen nennenswerten Überbau mitfinanzieren.

Zudem müssen diese Blogs extrem gut sein: Wer etwa über die Politik der Berliner Republik schreiben will, muss schon das Ziel haben, hier zum qualitativ führenden und unverzichtbaren Medium zu werden. Nur dann dürfte sich das Blog mit Werbung, zusätzlichem Paid-Content, exklusiven Studien und eigenen Konferenzen rechnen. Schon in der zweiten Reihe geht nichts mehr: Da sitzen nämlich schon die Blogger, die mit wenig bis kein Geld zufrieden sind, weil sie aus anderen Motiven heraus schreiben.

Und was wird aus dem sinkenden Schiff? Anders als die Titanic könnte sich so mancher Zeitungsverlag noch etwas über Wasser halten, solange es noch eine nennenswerte Nachfrage nach gedruckten Zeitungen gibt. Irgendwann aber ist unwiderruflich Schluss, das Schiff sinkt und es bleiben nur die kleinen Boote.

Ob das in die Köpfe der Zeitungsmacher geht? Ich bezweifle es, wenn ich etwa auf diesen Leitartikel von Ulrich Clauss (Welt Online) sehe: Wer im Jahr 2008 das Internet noch als „Kampagnenmaschine und Desinformationsquelle“ sieht, hat immer noch die falsche Brille auf…

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sicherlich wird die Anzahl der Zeitungen zurückgehen und die Zahl der Online-Informationsportale zunehmen. Aber werden Zeitungen dadurch überflüssig?

    Das Internet wird durch die Tatsache, dass Nutzer zu Produzenten von Inhalten werden, sehr, sehr unübersichtlich. Wer nicht über die Zeit und das Know-how verfügt, um sich effektiv einen Weg durch das Internetangebot zu bahnen, der wird gerne auf die Dienstleistung intermediärer Anbieter zurückgreifen, die eine Vermittlerrrolle zwischen dem Einzelnen und dem Internetangebot einnehmen.

    Online-Portale können nur einen Teil dieser intermediären Funktion übernehmen. Sie bieten nicht das passende Format für längere Artikel und Analysen. Dies könnte in Zukunft eine Domäne der Zeitungen sein: Analysen, Essays, Aufklärungsarbeit durch Themenreihen usw. bieten, die den Menschen einen Weg durch den Informations-Dschungel bahnen.

    Der Leser sucht für sich einen Mehrwert: wenn eine gedruckte Ausgabe gut und schön gemacht ist, wird sie ihre Abnehmer finden. Wenn sie aber kein besonderes Profil hat und aus dem Informationsbrei nicht herausragt, dann wird sich der Leser von ihr abwenden und sich die allgemeinen Meldungen online besorgen.

    Eine Chance sehe ich übrigens auch für Zeitungen mit einem ausgeprägten regionalen Schwerpunkt. Die Infos aus der Region finden nicht so leicht den Weg ins Internet. Sie könnten die Domäne einer Zeitung sein, die – noch viel ausgeprägter als bisher – über die Ereignisse im kommunalen Raum berichtet.

  2. Pingback: Ich habe Recht « Leichen der Zeit

  3. Ich denke, die entscheidende Frage wird sein, wofür ich als Kunde bereit bin, mein Geld auszugeben? Ich selbst gebe immer noch relativ viel Geld für Zeitungen aus, bei zwei Tageszeitungen und einer Wochenzeitung summiert sich das.

    Warum sind es mir die Zeitungen Wert? Die Aktualität ist es schon mal nicht. Bei der US-Wahl hat man das sehr schön erleben können. Infos über die Wahl gab es mehr als 24 Stunden später. Das Abdrucken von Agenturmeldungen bzw. das Umschreiben derselbigen ist es auch nicht. Solche Informationen bekomme ich im Internet billiger und schneller. Über die Qualität müssen wir da nicht sprechen, Unterschiede gibt es in dieser Hinsicht kaum, schließlich nutzen alle die gleichen Quellen.

    Mein Geld investiere ich in Zeitungen, weil sie eine für mich interessante Themenauswahl treffen und mich mit Nachrichten „füttern“, die sonst in der Flut untergehen würden, die ich also nicht mitbekommen würde. Ich zahle außerdem für eine Zeitung, weil mich die Standpunkte und Sichtweisen interessieren, aus denen heraus über etwas geschrieben wird. Die NZZ hat zu vielen Themen sehr pointierte Standpunkte, die für die eigene Meinungsbildung hilfreich sind. Außerdem leistet sich diese Zeitung Artikel in einer Länge, die man nicht schnell mal ebenso liest, die Themen aufbereiten, die woanders nicht vorkommen.

    Insofern sind für mich die Journalisten der Zeitungen, die ich lese, wie Kuratoren, die aus ihrer Sicht heraus Themen auswählen und sie sehr spezifisch für mich aufbereiten. Bei Ausstellungskuratoren ist es auch so, dass ich das, was in der Ausstellung gezeigt wird, woanders anschauen, nachlesen, etc. kann. Reizvoll ist doch aber der ganz spezielle Zugang, der einem neue Einblicke gewährt, auf die man selbst vielleicht nicht gekommen wäre.

    Ich gebe außerdem für Zeitungen Geld aus, weil sie den lokalen Bereich abdecken und mich als Haptiker ansprechen. :-) Das heißt, ich kann die Zeitung in die Hand nehmen, ich kann sie sogar mitnehmen, wenn ich will.

  4. @Claudia Sommer: Die New York Times ist gewiss ein positives Beispiel, allerdings steht gerade dieses Blatt wirtschaftlich im Augenblick besonders schlecht da. Ich selbst hoffe sehr, dass diese Zeitung einen innovativen Weg in die Zukunft findet.

    @Brigitte Reiser: Gute Vorschläge! In den USA wird stellenweise wohl schon darüber nachgedacht, ob man Zeitungen täglich als Online-Portal führen und nur noch an den Wochenenden in gedruckter Form erscheinen lassen kann. Die aktuellen News gäbe es dann im Internet, die Analysen, Essays und Themenreihen am Wochenende.

    Was die regionalen Schwerpunkte betrifft: Im Augenblick ist das sicher noch ein Vorteil für die klassische Zeitung, die Frage ist nur, ob das auch in 10 Jahren noch so sein wird. Vielleicht hat bis dahin jeder Verein sein eigenes Blog und veröffentlicht (à la Obama) munter alles Wissenswerte selbst?

  5. Tatsächlich sehe ich das ähnlich wie Christian. Aktualität ist für mich nicht der entscheidende Faktor. Meinung und Austausch ist für mich von zentraler Bedeutung. Ansonsten finde ich den Artikel hier sehr interessant. Und ich teile in Grundzügen das hier entworfene Szenario. Das Bild wird sich ändern und neue Unternehmen aus jetzt noch fremden Fachgebieten werden den Platz einnehmen, den heute die Tageszeitungen innehalten.

  6. @Christian: Einen Kunden wie Dich sollten die Zeitungen auf Händen tragen! :-) Allerdings: Die Frage der Haptik natürlich ausgenommen, alles andere lässt sich auch ins Web übertragen und dort sogar noch besser darstellen: Stell Dir einen ausführlichen Hintergrundbericht der NZZ vor, der (als Text) mit interaktiven Grafiken, Links zu GoogleEarth, Fotos auf Flickr und weiterführenden Verweisen auf andere Quellen versehen ist.

    Die Zeitung als Kurator ist natürlich ein gewichtiges Argument. An der Stelle sind die Onlinemedien vielleicht tatsächlich noch etwas dünn, was aber auch daran liegen könnte, dass Zeitungen einen Vorsprung von Jahrzehnten (und teils mehr) haben, während die neuen Medien im Internet erst noch eine Identität und Kultur für sich bilden müssen.

    @Burkhard: Danke für die Zustimmung. Am Ende werden es wohl wirklich mehrheitlich neue Unternehmen sein, die den Platz der Tageszeitungen einnehmen.

  7. Ein Teil der Analyse mag stimmen. Am Tag nach der Wahl waren allerdings in Amerika die Zeitungen ausverkauft. Offensichtlich wollten sich die Menschen an diesem historischen Tag nicht mit einem Screenshot begnügen.

    Es spricht einiges dafür, dass Teile der Prognose eintreffen. Aber das hat natürlich Folgen, und nicht alle davon sind positiv.

    1. Ich will nicht nur von Obama etwas über Obama lesen. Oder von irgendwelchen durchgedrehten Erzkonservativen über Obama. Ich will überhaupt nicht nur MEINUNG lesen, sondern überprüfte und sauber recherchierte Fakten. Das haben Qualitätsmedien bislang geleistet. Recherche kostet aber Geld: Die New York Times hat (noch) 1.300 Reporter. Die Huffington Post gerade mal ein Dutzend. Mehr können sie nicht bezahlen, weil eben die Werbeeinnahmen wesentlich geringer fallen.

    2. Ja, es gibt immer größere Spezialisierung und ich kann immer größeres Spezialistenwissen im Netz finden. Aber es ist ja genau die Stärke meiner Tageszeitung, nicht spezialisiert zu sein – sondern eine Auswahl für mich zu treffen zu allem, was ich ungefähr wissen will. In vielen Blogs lese ich viel zu genaue und detailierte Experten-Informationen. Vieles davon verstehe ich nicht, weil ich nämlich in diesen Sachen kein Experte bin. Das ist übrigens ähnlich wie bei Wikipedia-Artikeln. Weil immer mehr Experten und Kenner immer genauere Details einfügen, blicke ich bei zahlreichen Einträgen nicht mehr durch.

    3. Es ist außerdem die Stärke meiner Zeitung, dass ich dort Dinge erfahre, nach denen ich nie gesucht hätte. Wenn ich mir eine News-Seite im Internet zusammenbastle, die nur Informationen enthält, nach denen ich suche, geht mir viel verloren. Pointiert gesagt: wer nur noch „customized news“ konsumiert, wird ein Fachidiot.

    Wenn also die Zeitung wirklich untergeht, sollte man ihr zumindest nachtrauern. Und uns darauf einstellen, dass das Neue nicht unbedingt das Bessere ist.

  8. Der Totengesang auf die Zeitungen, der in vielen Diskussionen angestimmt wird, klingt ein wenig wie das Klagelied der Hinterbliebenen, die das mickrige Erbe beklagen. Insofern schließe ich mich denen an, die unsere Welt nicht schwarz/weiß darstellen, sondern sie für bunt halten. Eine Welt in der das Internet ein schnelles, flüchtiges Medium ist und in der die Zeitung und das geschriebene Wort eine beständige, verlässliche Größe darstellen.

    Noch immer hat niemand einen Weg gefunden, wie sich Qualitätsjournalismus im Internet selbst finanzieren kann. Und dieser Weg ist bisher auch noch nicht in Sicht. Vieles, was das Internet heute an Informationen und Wissen kostenlos zu Verfügung stellt basiert auf Leistungen und finanziellen Mitteln der gedruckten Medien. das Wenigste wurde über das Internet selbst finanziert.

    Bevor wir uns also der Frage zuwenden, ob Zeitungen eine Zukunft haben und wie diese aussehen könnte, sollten die Verfechter einer Zukunft ohne Zeitung doch erst einmal die Frage beantworten, wie sie diese Zukunft den finanzieren wollen und von welchem Geld dann z. B. Journalisten bezahlt werden. Abgesehen von sehr viel Risikokapital sind uns die meisten Internetplattformen ein schlüssiges Finanzierungsmodell bisher immer noch schuldig.

    Insofern freue ich mich auf eine bunte Zukunft in der es neben Radio und Fernsehen auch ein Internet und viele gedruckte Zeitungen geben wird.

  9. @Markus Reiter (Klardeutsch): Gute Einwände! Die direkte Kommunikation ist sicher nicht immer optimal und könnte im Extremfall in das Umschlagen, was in Deutschland auch schon als „Propaganda“ bezeichnet wurde.

    @Udo Merz: Ist es nicht so, dass sich Qualitätsjournalismus noch kaum je selbst finanziert hat? Von den Verkaufspreisen jedenfalls kann keine Zeitung leben. Was die neuen Medien im Web betrifft, so sind einige Anbieter derzeit in den schwarzen Zahlen, wenn auch auf bescheidenem Niveau.

    @Ralf Schwartz: Sorry, für die Trackback-Problematik. Bisweilen dauert es Tage, bis WordPress eingehende Links (bei mir im Blog) richtig anzeigt. Danke aber für den glänzend geschriebenen Vergleich bei Dir im Blog!

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