Rivva und Zoomer: Ein Vergleich

Zoomer HeaderAllein schon optisch könnte der Unterschied kaum größer sein: Hier das ruhige und eher minimalistisch auftretende Rivva, dort das neue und ziemlich grellbunt auftretende Zoomer. Muss man die beiden überhaupt vergleichen? Ich denke schon. Denn beide richten sich an ein eher jüngeres Publikum. Und beide haben beim Niveau offenbar eine recht große Bandbreite. „Ich hör fremden Leuten gern beim Telefonieren zu“, erfahre ich auf Zoomer, während mir zeitgleich auf Rivva die Frage „Sex?“ gestellt wird.

Rivva LogoEs gibt aber auch fundamentale Unterschiede: Zoomer basiert auf Agenturmeldungen und hat zudem eine Redaktion mit 40 Köpfen. Rivva dagegen operiert mit Blogbeiträgen bzw. Artikeln wichtiger Onlinemedien und hat als Redaktion eine von Frank Westphal programmierte semantische Software. Bei Zoomer kann man bewerten (auch wenn noch kaum jemand verstanden hat, wie das geht), ein eigenes Profil anlegen und sogar selbst Meldungen vorschlagen, die dann von der Redaktion geprüft und ggf. veröffentlicht werden. Bei Rivva kann man eigentlich nichts – außer lesen.

Wer von beiden hat mehr Web 2.0?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Bei Rivva sind die Inhalte im Wesentlichen selbst schon „User generated Content“ und zudem noch verlinkt und damit anderweitig zitiert, sonst würden sie hier gar nicht in Erscheinung treten. Hier ist also die Beschaffung der Daten Web 2.0 in Reinkultur, während die Ausgabe eher konventionell und ganz ohne partizipative Elemente erfolgt. Bei Zoomer ist es umgekehrt: Mit Agenturmeldungen und dem eigenen Stab an Mitarbeitern gerät die Herstellung ganz im Stil des Web 1.0, während man sich bei der Ausgabe fast schon überschlägt und praktisch alles auffährt, was das Mitmachweb heute überhaupt nur bietet.

Wie steht es um die ökonomische Basis?

Im Prinzip „kämpft“ hier David (=Rivva) gegen Goliath (=Zoomer). Also ein extrem schlankes und effizient konfiguriertes System gegen ein Modell der alten Schule mit seinen Redakteuren, (freien) Mitarbeitern und Agenturmeldungen. So gesehen muss Zoomer eigentlich scheitern. Denn von der Kostenbasis her betrachtet wird Rivva immer am längeren Hebel sitzen.

Wer sind die Leser und was wollen sie?

An dieser Stelle wird es spannend: Während Zoomer sich zunächst nur an ein jüngeres, internetaffines Publikum wendet, ist Rivva (noch) so etwas wie ein Insidermedium für die (ebenfalls jüngere) Web 2.0 Community. Zoomer spricht damit eindeutig eine breiter definierte Zielgruppe an. Gänzlich offen ist aber, welches Grundkonzept auf Dauer mehr Erfolg hat. Beide sind so etwas wie „Gefangene“ ihrer jeweils selbst gewählten Idee: Während Rivva davon abhängt, was die Blogger verlinken, muss Zoomer darauf hoffen, dass seine Leser auch wirklich mitmachen.

Und wer hat nun das bessere Konzept?

Ganz klar Rivva, wenn auch mit deutlichen Einschränkungen. Denn noch sind im deutschsprachigen Raum Blogs nicht so dominant, dass sie alle Segmente des Marktes für Nachrichten gut abdecken. Das ist die große Schwäche von Rivva. Zoomer dagegen setzt im Grunde darauf, das alte Medienmodell irgendwie ins Web 2.0 hinüberzuretten (nur eben ohne Papier). Ob es dauerhaft funktionieren wird? Ich glaube das nicht. Hinter Rivva steht die viel mächtigere Idee der Aggregation. Man hat schon „losgelassen“ und das Augenmerk auf den Strom an Nachrichten konzentriert.

Bei Zoomer dagegen will man die Nachrichten immer noch selber machen – wie schon die Unterzeile des Logos verrät. Allein schon mit dieser Losung positioniert man sich weit weg von allem, was für das Web 2.0 steht. So gesehen sollen die Berliner ruhig machen. Ein paar gute Jahre mögen sie ja vielleicht haben. Zu mehr wird es aber nicht reichen.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein interessanter Vergleich. Vor allem, weil beiden Projekten ja Nachrichten-Aggregation zugrunde liegt.
    Aber die Umsetzung wie auch die Zielsetzung sind aus meiner Sicht komplett unterschiedlich, so das es aus meiner Sicht super schwer ist Rivva und Zoomer miteinander zu vergleichen.
    Aber: spannend und interessant.
    Auch ich bin sehr gespannt, wie sich Zoomer die nächsten Monate entwickeln wird und wie es überhaupt von der Zielgruppe der „unter 35jährigen“ angenommen wird.
    Aber ganz ehrlich, Matthias – wie das Web in drei Jahren ausschaut weiß jetzt eh keiner! Und es hat sich gezeigt, das aus jedem ambitioniertem Versuch etwas Größeres und Dauerhaftes werden kann. Wer hat denn schon beim Start gedacht, das Google, Youtube oder Facebook SO groß und zumindest für einen gewissen Zeitraum extrem erfolgreich werden.
    Rivva ist spannend und gut gemacht. Zoomer hat einen interessanten und überraschend durchdachten Ansatz. Bis „zum Ende durchdacht“ KANN ein Netzprojekt aktuell niemals sein, weil der Wandel im Internet viel zu schnell verläuft. Man kann sich nur reinstürzen und dann schauen, wie gut man in der Lage ist mit zu schwimmen.

  2. Pingback: Kilroy Blog » Blog Archiv » Ein paar (ungeordnete) Gedanken zu Zoomer

  3. Interessanter Vergleich, den Du hier anstellst.

    Dem Konzept Zoomer liegt imo das ewige Mißverständnis zugrunde, dass es „Menschen unter 35“ schrill und bunt mögen. Dazu die Selbstbeweihräucherung der Holtzbrinck-Medien, wie hier im Tagesspiegel nachzulesen, schwer erträglich.

    Und ein ARD-Rentner als Herausgeber? Mensch Uli, gönn‘ Dir doch den Ruhestand!

  4. @Matias: Stimmt schon, wir wissen wirklich noch nicht, was in drei Jahren sein wird, so sehr ist das Medium Internet im Fluss. Das Bild des „Mitschwimmens“ gefällt mir gut – da liegt Zoomer doch wohl recht tief im Wasser, während Rivva leichter mitschwimmen dürfte… 😉

    @Karl-Heinz: Du hast aber auch wenig Verständnis für das Ding – wo das doch so teuer war! Da müssen jetzt eben alle Holtzbrinck-Medien aus Solidarität mittrommeln, auch wenn sie damit die Zielgruppe von Zoomer gar nicht erreichen…

  5. Ich denke, was Zoomer angeht, trifft Don Alphonso mit seinem Urteil den Nagel auf den Kopf: Schrott.

    Für mich wird nicht klar, warum ich Zoomer eigentlich nutzen soll? Wo liegt der Mehrwert?

    Die Inhalte (zumindest die auf der Titelseite) sind schlecht, die Usability auch. Wer kommentieren möchte, muss Catchpas bezwingen, die mittlerweile Satzlänge erreicht haben. Das hat nichts mit dem Web2.0 zu tun, sondern behindert Kommunikation eher.

    Bei Rivva weiß ich, was mich erwartet und warum ich diese Seite besuche. Wenn man beide Seiten also vergleicht, dann sprechen Nutzen und Usability eindeutig für Rivva. Und die Inhalte, die ich dort finden kann, sind auch mehr das, was mich interessiert.

  6. Zitat: „Bei Zoomer dagegen will man die Nachrichten immer noch selber machen – wie schon die Unterzeile des Logos verrät. “

    Nö, das „Wir“ schließt eben auch die User mit ein – die Redaktion hat nur einen von zwei Hebeln in der Hand.

    lg –> -y-

  7. thx@Matthias – und da hab ich noch was zu melden 😉

    @KH Wenzlaff:

    „Dem Konzept Zoomer liegt imo das ewige Mißverständnis zugrunde, dass es “Menschen unter 35? schrill und bunt mögen.“

    Im Kern liegt zoomer.de die These zu Grunde, dass das Internet ein Dialogmedium ist. Das hat erstmal gar nichts mit schrill oder bunt zu tun.

    Ich gehöre auch zur „Nicht-mehr-Zielgruppe“-Generation, und habe etwas länger gebraucht, bis ich das Web so verstanden habe (wenn auch immerhin schon vor dem Web2.0 …). Die These des redaktionellen Elfenbeinturms und der publizistischen Einbahnstraße läßt sich in meiner Generation noch aufrecht erhalten – ich habe Mediennutzung noch so gelernt.

    Aber ab 35 abwärts sind die User mit dem Web aufgewachsen. Zeitungen und TV-News werden dort viel seltener genutzt, das Netz und Relevanz-Logik im Stile von google bestimmen dort das Weltbild. Mitsprache wird eingefordert, Mitmachen ist gewollt. Das versuchen wir mit zoomer.de abzubilden.

    So schrill und bunt finde ich zoomer.de übrigens nicht. Neben dem markanten grün als Akzentfarbe hüllen wir ins doch in rechte dezente Farbtöne. Auf der Startseite kommen wir mehr über Bilder als andere Sites – das mag erstmal bunter wirken. Trotzdem haben die Stories dort einen unvoreingenommen Blick verdient, glaube ich.

    lg –> -y-

  8. @Frank: Das mit der Optik stimmt schon. Zoomer selbst ist relativ zurückhaltend gestaltet. Bunt machen es vor allem die Bilder im oberen Bereich sowie die Werbung.

    Generelle Anmerkung: Frank Syré ist Chefredakteur von Zoomer und ich finde es wirklich sehr bemerkenswert und positiv, dass er sich hier zu Wort meldet!

  9. Wie steht es um die ökonomische Basis?

    Im Prinzip “kämpft” hier David (=Rivva) gegen Goliath (=Zoomer). Also ein extrem schlankes und effizient konfiguriertes System gegen ein Modell der alten Schule mit seinen Redakteuren, (freien) Mitarbeitern und Agenturmeldungen. So gesehen muss Zoomer eigentlich scheitern. Denn von der Kostenbasis her betrachtet wird Rivva immer am längeren Hebel sitzen.

    david gegen goliath ist ein schöner verleich, aber er stimmt leider nicht. genauso wenig, wie der schluss, dass zoomer.de zwangsläufig scheitern muss.
    warum?
    zoomer.de ist kein goliath. vergleicht man die etats, die andere verlagshäuser in ihre online-nachrichtenportale stecken, sind wir mehr als schlank. das meiste geben wir für unsere mitarbeiter aus, die – auch wenn donalphonso das ebenso laut wie hartnäckig behauptet – nicht am hungertuch nagen müssen. aber wir glauben, dass das eine investition ist, die sich lohnt. denn nur gute leute stellen gute inhalte her.

    ja, wir arbeiten mit agenturen. aber anders geht es auch nicht. alle, die aktuelle nachrichten anbieten, tun das – selbst die ARD, als ach so hoch gelobter hort journalistischer kompetenz. ulkigerweise wird UNS das vorgeworfen. aber ich habe noch nie gehört, dass jemand über eine nachrichtensendung bei wdr 2, b 5 aktuell oder mdr info gesagt hätte: das sind doch nur agentur-meldungen – geschweige denn beim heute-journal oder den tagesthemen. uli wickert sagt es immer wieder: bei zoomer.de wird mehr recherchiert als bei der tagesschau.

    punkt 2: die kostenbasis. ja, wo menschen arbeiten kostet es geld. dafür sind aber auch die vermarktungsmöglichkeiten unendlich viel größer. denn gute werbung sucht hochwertige umfelder mit eigenem content. zoomer.de ist ein solches. nein, geld verdienen ist NICHT unser primäres ziel. wir wollen ein relevantes medium sein. aber um das zu werden und 40 leuten lohn und brot zu geben, muss man eben auf werbung setzen, sonst kann sich das niemand leisten.

    zoomer.de wird nie eine cash cow für holtzbrinck werden. dafür ist es viel zu teuer, viele leute zu beschäftigen. umso bewundernswerter finde ich, dass die verlagsgruppe trotzdem auf eigenen content setzt. sie könnte ja einfach, wie focus.de das tut, eine neue news-searchengine programmieren lassen. das kostet einmal geld und bringt viel – wenn’s funktioniert. holtzbrinck geht mit zoomer.de einen anderen weg: unique content (soweit möglich bei den schnelldrehenden themen).

    ob sich am ende rivva oder zoomer.de durchsetzen werden, ist deshalb gar nicht die frage. ich hoffe, es ist beides der fall. denn beide tun etwas ganz und gar unterschiedliches. die frage lautet eher: setzt sich rivva (david) durch oder das neue portal von focus.de (goliath), das – so mein kenntnisstand – auch noch eine ziemlich griffige url hat: nachrichten.de.

  10. Pingback: bwl zwei null » Zoomer, Social Networks und das Web 2.0

  11. Zoomer ist zwar ganz nett, aber mann kann die Artikel leider „nur“ kommentieren und nicht eigene Artikel veröffentlichen. Da gefällt mir http://www.online-artikel.de besser. Bei OA kann jeder eigene Meldungen veröffentlichen, andere bewerten und Comments abgeben. Das nenne ich echtes Web 2.0 Plattform.

    Ausserdem hilft es einem hinsichtlich Marketing und Promotion der eigenen Projekte, weil die Meldungen unter anderem bei Google News veröffentlicht werden.

  12. Pingback: bwl zwei null · Wird der Freitag das nächste Zoomer.de?