Second Life stagniert und ich arbeite an einem Erklärungsmodell

Second Life, die Bekannteste unter den virtuellen Welten, hatte zuletzt eher eine schlechte Presse. Die Begeisterung in den Medien flachte stark ab und zudem musste auch offiziell zugegeben werden, dass die Nutzerzahlen stagnieren bzw. leicht fallen.

Ein Grund zur Sorge? Oder zur Schadenfreude?

Weder noch. Die oben zitierten Blogs sehen die Sache nüchtern und auch Mr. Topf erklärt weiter sachlich und ruhig Neuigkeiten aus SL, etwa hier im Video vom Kölner Barcamp.

Ich selbst arbeite gerade an einer „Konsumententypologie“ und einem Erklärungsmodell, mit dem sich die Akzeptanz und die (künftige) Durchdringung neuerer Entwicklungen (wie etwa dem Web 2.0) erklären und besser einschätzen lassen sollen.

An dieser Stelle eine erste Anwendung aus meinen Denkansätzen auf Second Life. In meiner Typologie stehen an der Spitze die „Digital Utopians“ (Arbeitstitel). Damit meine ich Menschen, die fast nur noch von und mit dem Medium Computer bzw. Internet leben. Sie halten sich bevorzugt in virtuellen Welten oder Online-Games auf und verbringen dort Tage (und Nächte). Beziehungen pflegen sie fast nur noch virtuell (auch Partnerschaften!), während sie im „realen“ Leben eher wie einsame Einzelgänger wirken.

Diese Menschen pflegen keinen aufwendigen Lebensstil, haben eher kleine Wohnungen (oder leben noch bei den Eltern). Eine wichtige (materielle) Rolle spielen für sie fast nur der Computer und ein schneller Internet-Zugang. Vom Alter her schätze ich sie (heute) als der Gruppe der 20 bis 35jährigen zugehörig. Man trifft sie weltweit, bevorzugt jedoch in den hochentwickelten westlichen Ländern und dort eher in Großstädten. Eine exakte Quantifizierung dieser Gruppe ist schwierig, ich suche noch nach Zahlenmaterial. Aktuell dürften in Deutschland ein paar Tausend Menschen so leben, weltweit vielleicht schon eine Million? Vielleicht auch schon deutlich mehr?

Wohlgemerkt: Dieser Personenkreis soll hier nicht kritisiert oder verunglimpft werden. Eher im Gegenteil, denn diese, von mir als Utopisten bezeichneten Menschen leben etwas vor, das in einigen (wenigen) Jahrzehnten der Normalfall in allen entwickelten Ländern sein wird. Dann werden „virtual worlds„, „mirror worlds“ und „augmented reality“ zum wesentlichen Lebensinhalt geworden sein und gesamtgesellschaftlich gesehen mehr Kontakte auf virtuellen Ebenen als in der realen (Rest-) Welt stattfinden.

Wo ist jetzt aber der Bezug zu Second Life und der aktuellen Stagnation dort?

Die hier vorgestellten Utopisten sind auf die Gesamtbevölkerung gesehen eine noch verschwindend kleine Zielgruppe, sie dürften aber in virtuellen Welten wie Second Life einen signifikanten Anteil der Nutzer ausmachen. Wer nun als Unternehmen in Second Life Marketing für seine Produkte machen möchte, muss sich vor Augen halten, wen er aktuell dort antrifft.

Und das sind wohl zu einem ganz erheblichen Teil genau diese Digital Utopians. Schade nur, dass sie sich als Zielgruppe für konventionelle Konsumgüter schlecht eignen, da sie weniger in „materiellen“, dafür aber umso mehr in „virtuellen“ Dimensionen denken und handeln. Das Problem für das Marketing ist also weniger die Kommunikations- als vielmehr die Produktpolitik!

Wer aber genau diese Personen als Zielgruppe sieht, wird sich fragen, wie schnell dieser Markt wachsen wird. An dieser Stelle bin ich unschlüssig bis skeptisch: Einerseits dürfte zwar von den nachwachsenden Jahrgängen ein jährlich steigender Prozentsatz zu den Digital Utopians aufschließen, andererseits aber könnte er ältere Jahrgänge (ab Alter 40 aufwärts) nicht mehr erreichen, da diese Menschen vielleicht den „Sprung“ aus der realen in die virtuellen Welten für sich persönlich nicht schaffen.

Fazit: Das Wachstum virtueller Welten wie Second Life ist gar nicht zu verhindern. Und wer hier an den „Zauber eines neuen Anfangs“ glaubt, liegt richtig. Allerdings dürfte die quantitative Entwicklung vorläufig noch etwas langsamer ablaufen als vielfach gedacht. Was die qualitativen Aspekte betrifft, so weisen diese in eine Richtung, die die meisten Trendforscher und Zukunftsexperten hierzulande kaum auf ihrer Agenda haben.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, da liegt ein Zauber … in virtuellen Welten und nicht allein in Second Life. Die oft kolportierte Annahme des Stagnierens dieser ersten bekannteren virtuellen Welt ist allerdings zumindest interpretationsfähig. Denn aktuell steigen aller relavanten Kenngrößen zu Second Life wieder – was interessanterweise noch keinen zu keiner Veröffentlichung bei der einschlägigen Quellen geführt hat. Hono soi qui mal y pense.

    Davon abesehen ist Second Life aber sicherlich nur EINE Ausprägung der wichtigsten Prinzipien, die virtuelle Welten so erfolgreich machen – ja „erfolgreich“. Über alle Plattformen dieser Kategorie hinweg wachsen die tatsächlichen Nutzerzahlen – nicht die Anmeldungen – mit zweistelligen Raten pro Monat.

    Leider gibt es zu den Menschen, die hier aktiv sind, immer noch keine wirklich belastbaren demografischen Daten. Nach meinem persönlichen EIndruck, den ich nach Gesprüchen mit Anwendern auf solchen Plattformen gewonnen habe (und der keinen Anspruch auf statistische Relevanz erhebt) sind das aber zu mehr als 80% „gannz normale Leute“ mit ganz normalen Konsumwünschen.

    „Digital Utopians“ sind unter den prominenten Anwendern und den langjährigen überproportional vertreten. Was derzeit so an Neuvolk hineinströmt, ist ein Mix, den man ähnlich auch in jeder Einkaufstraße finden kann. Wie man das bewertet, mag jeder für sich selbst beurteilen :)

    btw: 5 von meinen alten Bekannten in Second Life sind 45 und älter. Eine ist kürzlich 60 geworden 😉